Klaus Walterbach

Foto: Frank Oppitz/ Funk Foto Services



  • Name: Klaus Walterbach

  • Geburtstag: 19. Mai 1957

  • Geburtsort: Bottrop

  • Beruf: ehemaliger Kokerei-Techniker

  • Wohnort: Bottrop


Klaus Walterbach hat fast 35 Jahre lang Koks hergestellt. Seine Lehrjahre verbrachte er auf der Kokerei Jakobi in Oberhausen. Anschließend arbeitete er auf der Kokerei Prosper in Bottrop. Walterbach hat auf der Bergfachschule Verfahrenstechnik mit dem Schwerpunkt Kokerei-Technik gelernt. Er war ab 1985 Steiger und die letzten fünf Jahre, die er auf der Kokerei Prosper gearbeitet hat, Reviersteiger, also Gruppenleiter. Hier erklärt er die Koksherstellung, die Abläufe auf einer Kokerei und welche Gefahren bei der Arbeit an den heißen Öfen lauern.

Schwarz-Weiß Fotos der Kokerei Prosper

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Die "weiße Seite" der Kokerei mit den Teerhochbehältern NH3-Waschern und die Benzolwascher. Foto: Albert Kiss


Damit aus Steinkohle Koks entstehen kann, wird eine bestimmte Kohlensorte beziehungsweise Kohlenmischung benötigt. „Kohle ist nicht gleich Kohle“, erklärt Walterbach. „Es gibt Kohle, die man nur für Kraftwerke benutzen kann, oder eben Kohle, die man für die Kokerei braucht.“ Am besten eigne sich für die Kokerei Fettkohle, weil diese auch nach dem „Backen“ fest sei und nicht pulvrig, wie beispielsweise die Mager- oder Anthrazitkohle. Es werde aber auch immer eine Mischung aus mehreren Kohlensorten verwendet. Dafür müsse man sich gut auskennen.

„Es gibt eine Art Versuchslabor, wo eine Miniverkokung gemacht wird“, erklärt der 61-Jährige. Dort wird getestet, welche Kohlenmischung sich am besten eignet. Die richtigen Parameter zu finden ist sehr wichtig, damit die Kohle später im Ofen nicht anbackt.

Steinkohle entstand in der Karbonzeit

ENTSTEHUNG VON STEINKOHLE


Steinkohle ist vor mehr als 300 Millionen Jahren in der Karbonzeit entstanden. Damals gab es riesige Sumpfwälder und tiefe Moore. Nach und nach starben die Bäume ab und versanken im Wasser. Im Laufe der Jahre bildete sich eine Sandschicht und die Pflanzen wurden zusammengepresst. Unter Ausschluss von Sauerstoff bildete sich mit der Zeit Torf. Durch Überschwemmungen entstanden neue Sumpfwälder und weitere Pflanzen starben ab. Wieder bildete sich eine Gesteinsschicht. Dieser Vorgang wiederholte sich im Laufe der Jahrtausende immer wieder. Unter enormen Druck wurde das Wasser aus der Torfschicht gepresst und es entstand Braunkohle. Durch immer höheren Druck und steigende Temperaturen bildete sich dann mit der Zeit Steinkohle.

Per Schiff, Zug oder Lkw wird die Steinkohle zur Kokerei gebracht und in einem Tiefbunker gelagert. Anschließend wird die passende Kohlenmischung zusammengestellt. Von der Mischhalde aus wird die Kohle zu den Öfen transportiert.

Die Kokerei Prosper hat zwei Löschtürme, in denen der heiße Koks aus den Öfen abgelöscht wird. Hier ist auf die richtige Temperatur zu achten: „Wenn die Batterie zu kühl wäre, würde der Koks nicht richtig aufheizen. Wenn die Batterie zu heiß wäre, könnte der „Kokskuchen“ am Rand anbacken. Dann kriegt man den nicht mehr heraus“, erklärt der ehemalige Kokerei-Techniker Walterbach. Die Kohle muss bei einer Temperatur von 1050 Grad im Koksofen gebacken werden. 24 ½ Stunden dauert der Verkokungsprozess.

 

Auf einer Kokerei muss 365 Tage im Jahr gearbeitet werden. Denn: „Man kann diesen Ofen nicht einfach an- und abstellen wie einen Backofen. Das geht nicht“, sagt Walterbach. Würden die Öfen ausgehen, gingen die Batterien kaputt. Deshalb müssen sie auf einer stetigen Betriebstemperatur bleiben. „Da kann man nicht einfach sagen, man bleibt jetzt zuhause. Auch nicht an Weihnachten.“

DER WEG VON DER KOHLE ZUM KOKS


1. Anlieferung der Kohle auf die Kokerei


2. Zwischenlagerung im Tiefbunker


3. Zusammenstellung der passenden Kohlenmischung


4. Befüllung der Kohle in den Koksofen


5. Kohlenumwandlung/ Verkokungsprozess


6. Koks löschen


7. Koks in der Sieberei aufbereiten/ aussortieren


8. Das fertige Koks zum Endkunden bringen

Als Klaus Walterbach 1984 auf der Kokerei Prosper anfing, wurden gerade neue Batterien installiert. Der Nachteil: Früher gab es mehr Maschinen und man brauchte dementsprechend mehr Menschen. „Wie das immer so ist bei Modernisierungen“, sagt der 61-Jährige. „Als es noch die alten Batterien gab, waren wir etwa 1000 Mitarbeiter. Nachher waren es nur noch etwa 500 Leute.“ Die Kokerei Prosper sei zu der Zeit die modernste Kokerei der Welt gewesen. Das habe sich geändert, als die Kokerei Kaiserstuhl in Dortmund gebaut wurde.

Die Kokerei Prosper in Bottrop

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Prosper 2. Foto: Oliver Mengedoht/ Funke Foto Services


Koks und seine „Abfallprodukte“

Der Verkokungsprozess läuft wie folgt ab: Auf der „schwarzen“ Seite der Kokerei wird die Steinkohle in den Öfen stark erhitzt und zusammengepresst. Dadurch entsteht Gas. Dieses wird abgesaugt und zur „weißen“ Seite geleitet. Dort finden chemische Prozesse statt, um für die schwarze Seite teilgereinigtes Gas herzustellen und es somit wiederverwertbar zu machen. Ein anderer Teil des Gases wird komplett gereinigt, verdichtet und ins Ruhrgasnetz gepumpt. „Das ist heute aber nicht mehr so gefragt“, sagt Walterbach. Ebenso entstehen durch die chemischen Prozesse auf der weißen Seite Benzol, Teer und Ammoniumsulfat. „Das konnte man früher noch für gutes Geld verkaufen, was heute auch nicht mehr unbedingt so ist“, so Walterbach.

Gas, welches nicht im Gasometer gespeichert oder weiter verwendet werden kann, wird abgefackelt, also verbrannt. Hierfür gibt es die so genannten Hochfackeln, die gelegentlich zu besorgten Anrufen führen. Dabei handelt es sich um gereinigtes Gas. „Das muss einfach abgefackelt werden, weil wir nicht wissen, wohin damit“, sagt Walterbach. „Die Leute sehen nur die Flamme und für die Leute sind Flammen immer schlecht. Dabei ist das Gas nicht schädlich.“

Ein weiterer Störfaktor für die Anwohner ist Kohlenstaub, der bei Wind in den Gärten landet. Das passiert vor allem in den Sommermonaten, wenn die Kohle trocken ist. „Wir machen die dann auch manchmal nass, damit sie nicht wegwehen kann“, erklärt Walterbach.

ZAHLEN UND FAKTEN ZUR KOKEREI PROSPER



  • Inbetriebnahme alte Kokerei: 1928

  • Inbetriebnahme nach Umbau: 1985

  • 3 Batterien, 146 Öfen

  • Jahreskohleneinsatz: 2,6 Millionen Tonnen

  • Koks-Produktion: ca. 2 Millionen Tonnen pro Jahr

  • Schichtleistung (8 Stunden): 1800 Tonnen Koks

  • 365 Tage im Jahr wird rund um die Uhr produziert

  • Montag bis Samstag drei Schichten á 8 Stunden

  • Sonntag zwei Schichten á 12 Stunden

  • Im Juni 2011 hat der Stahlkonzern ArcelorMittal die Kokerei von der Ruhrkohle AG (RAG) aufgekauft.

Unfälle auf der Kokerei

Bei der Arbeit an den Öfen und den Löschtürmen kann es auch zu Unfällen kommen. Walterbach hat sich auf der Kokerei Prosper zwar nicht verletzt, aber ist auf der Kokerei Jakobi einmal ins heiße Löschwasser getreten: „Das war schmerzhaft und ich war ein paar Tage krank. Aber das war nicht so dramatisch.“ Es habe aber auch Unfälle auf der Kokerei gegeben, die tödlich endeten. Bei der Sanierung des Löschturms sei beispielsweise ein Mitarbeiter einer Fremdfirma aus 25 Metern Höhe heruntergestürzt und gestorben.

Außerdem sei ein Mitarbeiter einmal auf einen Maschinenwagen geklettert, abgerutscht und auf eine Maschinenbahn gefallen. „Er hatte noch keine Freigabe. Es war also selbstverschuldet“, sagt Walterbach. „Als Führungskraft steht man quasi immer mit einem Bein im Knast, weil man dafür Sorge zu tragen hat, dass alle Mitarbeiter ihre Schicht gesund wieder beenden.“ Dafür gebe es Sicherheitsvorschriften. Solche Unfälle würden passieren, wenn die Leute übermotiviert seien und unter Zeitdruck stehen.

Die Kokerei Prosper von oben

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Foto: Albert Kiss


Trotz der Risiken auf der Kokerei hat Klaus Walterbach seinen Job gerne gemacht. „Dabei war es erst gar nicht so geplant, dass ich zur Kokerei gehe.“ Er ist gelernter Fernsehtechniker. Sein Vater war Bergmann auf Prosper II. Um mehr Geld zu verdienen und später auch eine Familie ernähren zu können, wollte er als Techniker zu einer Schachtanlage gehen. Sein Vater hatte durch seinen Beruf als Bergmann gute Kontakte und wollte ihn auf der Zeche unterbringen. Bei der bergmännischen Untersuchung kam die Ernüchterung: „Sie sind nicht grubentauglich, weil Sie zu schwer sind.“

AcelorMittal hat die Kokerei von der RAG übernommen

Er wollte dennoch gern im Bergbaubereich bleiben und entschied sich im Jahr 1979 für die Kokerei. Auf der Kokerei Jakobi in Oberhausen war gerade eine Stelle als Maschinist frei – sprich: Es wurden Leute gesucht, die Maschinen bedienen, wie den Füllwagen oder die Druckmaschine. Nach zweieinhalb Jahren hat er dann die Bergfachschule in Recklinghausen besucht und sich weitergebildet. Als er gerade mit der Ausbildung fertig war, kam der Schließungsbeschluss für die Kokerei Jakobi. Er war dann noch 14 Tage auf der Kokerei: „Ich habe quasi den Stillstand mitgemacht“, sagt Walterbach.

Die Leute, die damals auf der Kokerei Jakobi waren, seien entweder zu anderen Kokereien gekommen oder zur Zeche. Einige seien auch schon in den Vorruhestand gegangen. „Man hat damals noch bei der RAG gesehen, dass die Leute sozialverträglich in den Vorruhestand gegangen oder zu anderen Anlagen gekommen sind“, sagt Walterbach. Die meisten Kollegen hätten versucht, zur Kokerei zu kommen. Damals habe es noch die Kokerei Osterfeld in Oberhausen gegeben. Da seien auch einige Leute hingekommen. Einige davon seien dann später trotzdem zu Prosper gekommen, weil die Kokerei Osterfeld  dann ebenfalls geschlossen wurde. „Ich weiß damals, als ich mit der Bergfachschule angefangen habe, gab es noch 16 Kokereien. Nach zwei Jahren Schule waren es dann nur noch elf Kokereien. Nach und nach wurden die meisten dann geschlossen.“

Klaus Walterbach ist im Juli 1984 zur Kokerei Prosper gekommen, wo er bis zum Ende seines Beruflebens im Mai 2013 gearbeitet hat. Wie genau es mit der Kokerei Prosper nach 2018 weiter geht, wisse er nicht. Sie gehöre ja nicht mehr zur RAG, sondern zu AcelorMittal und sei somit außen vor. Deutsche Steinkohle werde auf der Kokerei  aber sowieso schon länger nicht mehr verwendet. „Ob der Entschluss richtig war, mit dem Steinkohlenbergbau aufzuhören, oder ob deutsche Kohle später nicht doch wieder gebraucht wird, weil die Kohle aus anderen Ländern teurer wird, wird sich zeigen.“