Mathias Erdmann

Foto: Joachim Kleine-Büning/ Funke Foto Services



  • Name: Mathias Erdmann

  • Geburtstag: 14. Juli 1987

  • Geburtsort: Duisburg

  • Beruf: Steiger

  • Wohnort: Dinslaken


Das Bergwerk Prosper Haniel in Bottrop ist das letzte aktive Steinkohlenbergwerk in der Region. Bis Dezember 2018 wird in 1200 Metern Tiefe noch Steinkohle abgebaut und über Tage gefördert. Von einst mehreren hundert Bergleuten arbeiten heute nur noch eine Handvoll „echte“ Bergleute unter Tage. Denn: Die Kohle wird nicht mehr mit Schlägel und Eisen abgebaut, sondern ist durch die voranschreitende Technik weitestgehend automatisiert.

Die meisten Mitarbeiter unter Tage sind Elektriker, Schlosser und Mechatroniker. Zu ihnen gehört auch der 30-jährige Mathias Erdmann. Der gelernte Industriemechaniker ist Steiger – also Aufsichtsperson unter Tage. Erdmann kommt gebürtig aus Duisburg, aber wohnt in Dinslaken.

„Prosper Haniel ist meine Heimat-Zeche“

2004 hat Mathias Erdmann seine Ausbildung als Industriemechaniker auf dem Bergwerk Lohberg in Dinslaken angefangen. Ein Jahr später wurde die Zeche geschlossen und er kam zum Bergwerk Walsum nach Duisburg. Doch das Zechensterben nahm weiter seinen Lauf und so wurde auch Walsum ein Jahr später geschlossen. Sein letztes Ausbildungsjahr verbrachte Erdmann schließlich auf seiner – wie er sagt – „Heimatzeche“ Prosper Haniel in Bottrop, wo er bis heute arbeitet und das Ende des Steinkohlenbergbaus in Deutschland miterleben wird. Warum „Heimatzeche“? „Hier bin groß geworden und das erste Mal eingefahren“, sagt der junge Mann. Zu dem Zeitpunkt war er 18 Jahre alt. Die erste Grubenfahrt war für ihn ein großes Abenteuer: „Ich war sehr nervös und man hat immer geguckt, wat is‘ hier los. Aber je öfter man das macht, desto schneller wird es zu Gewohnheit. Dann ist es das täglich Brot.“

Arbeitsalltag

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In der Schwarzkaue ziehen die Bergleute ihre dreckige Arbeitskleidung an. Foto: Volker Hartmann/ Funke Foto Services

 


Bereits als kleiner Junge hat ihn der Bergbau fasziniert. Das Bergwerk Lohberg war nur einen Kilometer von seinem Elternhaus entfernt. „Ich weiß noch, früher, da habe ich immer mit meinem Bruder auf der Halde gespielt“, erzählt Erdmann. Am Tag der offenen Tür habe er dann auch einmal die Werkstatt und Maschinen gesehen und zu seinem Bruder gesagt: „Hier möchte ich gerne einmal arbeiten.“

Dann habe er die Kumpel gesehen, die schwarz aus der Grube heraus kamen – gezeichnet von der harten Arbeit. „Das hat einem schon imponiert. Da wäre man gerne dabei gewesen. Unter den ,harten Kerlen‘, zu denen man als Bengel noch hoch geguckt hat.“ Auch heute noch sei es für ihn ein großes Abenteuer. „Früher hast du im Sandkasten gespielt und heute dürfen wir uns auch im Dreck wälzen. Da bleibt jeder auch noch ein bisschen Kind und hat Spaß.“

Zeche Prosper I in Bottrop

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Das Fördergerüst von Schacht 5. Foto: Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum [024900815001]

 


Die Ausbildung zum Industriemechaniker

Erdmanns Familie kommt nicht aus dem Bergbau. Sein Vater arbeitet bei Thyssen-Krupp und auch sein Opa hat dort schon gearbeitet. Nach der Realschule hat Erdmann sich für eine Ausbildung als Industriemechaniker auf der Zeche Lohberg beworben und dort direkt eine Zusage bekommen. „Das ging alles ziemlich schnell.“

Die ersten beiden Jahre verbrachte er über Tage in einer Werkstatt und lernte feilen, fräsen und schweißen. Erst im dritten Ausbildungsjahr nach dem Wechsel zur Zeche Prosper Haniel in Bottrop durfte er das erste Mal unter Tage. Im Bergwerk ist er für die Instandsetzung von Dieselmaschinen und Hydraulik-Aggregaten zuständig. 2013 ist er noch einmal zur Abendschule gegangen und hat sich zum Maschinenbautechniker weitergebildet. Seit Anfang 2018 ist er Techniker und Steiger.

Steiger Mathias Erdmann vor der Anfahrt in das Bergwerk Prosper Haniel. Foto: Joachim Kleine-Büning/ Funke Foto Services

Angst habe er nicht, wenn er bis zu 1200 Meter unter Tage einfährt. „Die Sicherheitsbedingungen sind seit Jahren auf dem höchsten Standard. Unter Tage ist nichts, wovor man Angst haben muss“, sagt Erdmann. „Du hast ja auch die Kollegen, die aufeinander aufpassen. Das ist einfach so die Bergmannsehre, der Bergmannsstolz oder die Solidarität unter den Bergleuten. Das Kumpelhafte, dass jeder auf den anderen aufpasst.“

Mit einer solchen Lok bewegen sich die Bergleute unter Tage fort. Es gibt genau wie über Tage einen Bahnhof und festgelegte Zeiten, zu denen die Lok fährt.
Foto: Nikos Kimerlis/ Funke Foto Services

Aber das geht trotzdem nicht immer gut. Schlimm verletzt hat er sich unter Tage nicht: „Den Finger habe ich mir mal geklemmt und ich hatte eine Platzwunde. Im Großen und Ganzen waren das aber nur kleinere Sachen, die jetzt auch nicht an der Tagesordnung sind.“ Die Verletzungen habe er sich zu seiner Anfangszeit unter Tage zugezogen, als er noch etwas unüberlegt gehandelt habe.

Ein Reviersteiger vor einem Walzenschrämlader im Abbaustreb auf der Zeche Auguste Victoria in Marl.
Foto: Nikos Kimerlis/ Funke Foto Services

Mittlerweile hat er zwölf Jahre Erfahrung unter Tage. Als Steiger ist er für 51 Mitarbeiter verantwortlich. Diese sind an verschiedenen Standorten unter Tage verteilt. „Ich kann nicht alle befahren, aber telefoniere jede Schicht vier, fünf Mal mit meinen Kollegen“, erklärt Erdmann. Hierfür gibt es mehrere Grubentelefone.

Mathias Erdmann fährt meistens auf Schacht 10 ein. Die Zeche hat noch zwei weitere Schächte. Foto: Joachim Kleine-Büning/ Funke Foto Services

Unter Tage gibt es mehrere Werkstätten. „Eine Werkstatt ist von dem Schacht etwa 150 Meter entfernt. Bei der anderen muss ich noch eine halbe Stunde mit dem Personenzug hinfahren“, so Erdmann. Die meisten Leute auf Prosper Haniel arbeiten auf der siebten Sohle (Ebene). Dort befinden sich auch die Abbaubetriebe und ein Einziehungsschacht, der für Frischluft sorgt. „Auf Schacht 9 ist eine große Lüftung – ein großer Propeller, der quasi die verbrauchte Luft rauszieht und frische Luft rein“, erklärt Erdmann.

Wenn draußen minus 3 Grad Celsius herrschen, ist es im Schacht genauso kalt. „Da muss man sich dann ein bisschen dicker anziehen. Das ist schon hartes Brot, acht Stunden in der Kälte zu arbeiten. Genauso ist es bei Hitze“, sagt der junge Steiger. Es gebe auch Abbaubetriebe, in denen es bis zu 35 Grad heiß ist. Diese seien vom Einziehungsschacht dann etwas weiter entfernt.

„Da gab es einen Vorfall, wo ich dachte: ,Mama, hol mich von der Zeche ab’“, sagt Erdmann. An dem Tag war es über 30 Grad warm und Mathias Erdmann musste mit einer 20 Kilogramm schweren Werkzeugtasche und mehreren Hydraulikschläuchen sieben Kilometer zu einer kaputten Maschine laufen. „Ein Kumpel hat mir dann bei der Reparatur immer mein Shirt unter Wasser gehalten und in den Nacken gelegt, damit ich keinen Hitzeschlag bekomme“, berichtet Erdmann.

Bergmannskleidung muss aus Baumwolle sein

Bergmannskleidung muss zu hundert Prozent aus Baumwolle bestehen, weil Synthetik-Stoffe Funkenflug verursachen könnten. Alles muss schlagwettergeschützt sein, weil ein einziger Funke eine Explosion auslösen könnte. Außerdem ist Baumwollkleidung sicherer, weil sie zerreißt – so kann man nicht in eine Maschine geraten.

Außerdem gehören eine Grubenlampe und ein CO-Filter – ein „Selbstretter“ zur Ausrüstung des Bergmanns. „Den braucht man, falls es unter Tage brennen sollte“, erklärt Erdmann. Darüber hinaus sind die Schienbeinschoner wichtig. „Da sieht man schon an den vielen Kratzern, dass man immer mal wieder irgendwo aneckt, wenn man irgendwo herumkrabbelt.“ Zusätzlich muss ständig eine Schutzbrille getragen werden. „Durch den Wetterzug bekommt man sonst sehr schnell etwas ins Auge.“

Beim Fahren über die roten Punkte im Bild erscheinen Erklärungen zur Bergmannsausrüstung:

Als Mathias Erdmann seine Ausbildung auf der Zeche angefangen hat, wusste er, dass 2018 das Ende des Steinkohlenbergbaus sein wird. „Die haben uns schon bei der Ausbildung gesagt, dass wir nicht übernommen werden.“ Sein Plan war es, nach der Ausbildung zu einer anderen Firma zu wechseln. Doch Mathias Erdmann hat es geschafft und durfte auf der Zeche bleiben. „Da bin ich auch stolz drauf. Theoretisch hätte jedes Jahr Ende sein können“, sagt Erdmann. Aber es komme auch immer darauf an, wie man sich unter Tage anstellt. „Es ist egal, ob du blond bist, schwarze Haare hast oder welche Religion du hast. Es geht nur darum, wie du malochst und ob du verlässlich bist.“

„Keiner möchte das Ende des Steinkohlenbergbaus wirklich haben.“

Am 21. Dezember 2018 findet die Abschiedsveranstaltung auf der Zeche Prosper Haniel in Bottrop statt. An dem Tag soll auch das letzte Stück Kohle gefördert werden. Danach beginnt der Rückbau. Dieser fängt am 1. Januar 2019 an und soll voraussichtlich bis März 2020 dauern. Auch hieran wird Mathias Erdmann noch beteiligt sein.

„Keiner möchte das Ende des Steinkohlenbergbaus wirklich haben. Das Thema wird noch ein bisschen verdrängt“, sagt Erdmann. Alle seien noch voll motiviert und würden Vollgas geben. „Das ist auch der Bergmannsstolz, sich nicht den Fisch vom Teller nehmen zu lassen.“ Aber es gebe auch viele Kollegen, die schon zu anderen Firmen gewechselt sind, wie beispielsweise Schlosser und Mechatroniker.

„Wenn hier der letzte Tag kommt, wird uns allen auf jeden Fall eine Träne die Wange runter kullern. Das ist schon jetzt, wenn ich drüber rede, ganz unangenehm. Ja, das tut weh“, sagt Erdmann.



EWIGKEITSKOSTEN


Zu den Ewigkeitskosten gehört die dauerhafte Regulierung des Wasserhaushalts. Das Grubenwasser muss weiterhin abgepumpt werden, um den Trinkwasserschutz zu gewährleisten. Außerdem muss über Tage gepumpt werden, damit Teile der Region nicht überschwemmt werden. Hinzu kommt die Grundwasserreinigung an ehemaligen Kokereistandorten. Hierfür übernimmt auch nach Ende der Steinkohlenförderung die RAG die Verantwortung. Das zahlt die RAG-Stiftung. Bergbauschäden, also Schäden an Bauwerken, die durch den Bergbau entstanden sind, werden nicht den Ewigkeitskosten zugerechnet. Diese Finanzierung läuft nicht über die RAG-Stiftung, sondern dafür hat die RAG selbst Rückstellungen gebildet.